Archiv für Februar 2012

Europäischer Aktionstag gegen den Kapitalismus

march31

Europa und die Europäische Union (EU) befinden sich im Ausnahmezustand. Seit Monaten spitzt sich die Kredit- und Schuldenkrise zu. Auf immer neuen Regierungskonferenzen werden Notprogramme beschlossen, um den Kapitalismus zu sanieren. Glaubt man Politik und Medien, drohen sonst Zusammenbruch, Rezession und neue Armut. Mit dieser Katastrophenrhetorik werden marktradikale Reformen durchgesetzt, die unsere Gesellschaft und unser Leben auf Jahrzehnte bestimmen – wenn wir uns nicht wehren. In den ersten Jahren der Krise hieß es, der Kapitalismus müsse gezügelt werden. Banken und Konzerne sollten einen Teil der Lasten tragen, die sie selbst mit verursacht hatten. Doch gerade passiert das genaue Gegenteil: Die EU, ihre Mitgliedsstaaten und Beitrittskandidaten setzen auf mehr “Wettbewerb” und einen brutalen Sparkurs, um das “Vertrauen” und die Profite der Privatwirtschaft zu sichern. Genau damit aber bestätigen sie die destruktive Logik des Kapitalismus. Kapitalismus heißt Krise und Ohnmacht, Armut inmitten von privatem Reichtum. Organisieren wir uns für eine bessere Gesellschaft!

Die Krise hat System
Die kapitalistische Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte hat die Konkurrenz der Unternehmen und Standorten zugespitzt. Alle führenden Industriestaaten haben ihre Märkte umfassend dereguliert. Sie haben soziale Sicherheiten gestrichen, öffentliche Güter privatisiert, die Rechte von Lohnabhängigen beschnitten und soziale Kontrollen verschärft, im Interesse eines möglichst ungehinderten kapitalistischen Wachstums. Doch selbst in Europa, auf der Sonnenseite dieses weltweiten Systems, wird unser Leben von Jahr zu Jahr unsicherer, und die soziale Spaltung nimmt zu. In den sogenannten “aufstrebenden Märkten” herrscht ohnehin eine permanente soziale Krise: Enteignung und skrupellose Ausbeutung mit staatlicher Rückendeckung, für ein nationales Wachstum, das nur Privilegierten zu Gute kommt. Die neoliberale Transformation der vergangenen Jahrzehnte hat auch die Finanzmärkte überkochen lassen. Ob DotCom-Boom, Immobilienfonds oder Derivatehandel – seit Jahren platzen die Spekulationsblasen, auf jeden Boom folgt ein Einbruch. Schuld daran sind nicht die vermeintliche Gier und Korruption einer kleinen Elite, wie viele glauben. Schuld ist die alltägliche Profitlogik, der wir alle unterworfen sind, ob wir wollen oder nicht.

Das EU-Regime knacken
2011 ist die europäische Schulden- und Währungskrise eskaliert. Einige Staaten stehen vor dem Bankrott, und gefährden damit den Euro. Vordergründig haben diese Staaten “über ihre Verhältnisse gelebt”. In Wahrheit haben auch sie nur versucht, über Schulden kapitalistisches Wachstum anzustoßen. Sie taten was alle tun, nur weniger erfolgreich. Ihre Unterstützung durch die Europäische Zentralbank (EZB) und neue, milliardenschwere “Rettungsfonds” sind an rücksichtslose Auflagen gebunden. Eine europäische “Schuldenbremse” soll “die Märkte beruhigen”, natürlich zu Lasten von Lohnabhängigen, Erwerbslosen und Menschen in Ausbildung. Private Profite werden dagegen nicht angetastet. Ähnlich ergeht es den ost- und südosteuropäischen Beitrittskandidaten, die von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) zu umfassenden Kürzungen und Privatisierungsprogrammen genötigt werden. All das soll das krisenträchtige Wettbewerbsregime der EU schützen, und natürlich die Ansprüche der dominanten Ökonomien Kerneuropas: Die Regierungen Deutschlands und Frankreichs konnten ihre Interessen fast ungehindert durchsetzen, trotz eigener politischer Differenzen. Kein Zweifel, in vielen Ländern wurde heftig protestiert. Überall sind Basisinitiativen entstanden, um die eigene politische Ohnmacht zu überwinden. Doch bislang blieben selbst Massenstreiks erfolglos. Die großen nationalen Gewerkschaften stützten letztlich doch die Standortpolitik ihrer jeweiligen Staaten und forderten allenfalls soziale Trostpflaster. Es gab keine effektive gewerkschaftliche Solidarität über Landesgrenzen hinweg. Wenn sich daran etwas ändern soll, müssen wir selbst dafür sorgen.

Wir können das besser
Die europäische Krisenpolitik ist so spekulativ, wie es der Kapitalismus immer war. Denn schärferes Sparen gefährdet die ökonomische Stabilität genau so wie Wachstum auf Pump. Es gibt im Kapitalismus keinen sicheren Weg, nur permanentes Krisenmanagement. Sollen wir unser Leben dafür verschwenden? Besser wir kämpfen gemeinsam gegen das Diktat des Marktes, und organisieren uns endlich europaweit. Der Europäische Aktionstag am 31. März 2012 ist dafür ein erster Schritt. Gleichzeitige Demonstrationen in mehreren europäischen Staaten sind mehr als ein Zeichen antikapitalistischer Solidarität. Sie sind schon jetzt Teil einer europaweiten Diskussion und Vernetzung. Wir laden alle emanzipatorischen Initiativen ein, diesen Prozess mit zu gestalten. Wir müssen uns außerhalb der staatstragenden Institutionen organisieren, und einen langen Atem haben. Die Krise verläuft in unseren Ländern sehr unterschiedlich. Aber wir haben ein gemeinsames Ziel: Wir wollen den Kapitalismus nicht retten, sondern überwinden. Wir widersetzen uns nationaler Interessenpolitik und nationalistischer Krisenideologie. Der Kampf gegen den fortgesetzten Abbau sozialer Sicherheiten und Rechte ist wichtig, aber unsere Perspektive muss weiter sein. Wir müssen die fatalen Zwänge des Kapitalismus und seiner politischen Institutionen brechen. “Echte Demokratie”, wie sie in vielen Protesten gefordert wird, das geht nur ohne Kapitalismus!

Europäischer Aktionstag gegen den Kapitalismus
31. März 2012 | march31.net

ACTA AD ACTA

EINIGE KRITISCHE ANMERKUNGEN ZU ACTA & SEINEN GEGNERINNEN

Es scheint, als leben wir in revolutionären Zeiten. Wo mensch nur hinsieht, beginnen die Menschen aufzubegehren. Von bescheidenen Schwaben, die gegen die Sanierung eines der hässlichsten Bahnhöfe der Bundesrepublik rebellieren, den Aufständischen in den arabischen und nordafrikanischen Staaten, welche sich vom Joch ihrer Despoten befreien wollen (um im selben Atemzug in die Tyrannei Islamismus zu schlittern) oder aber die heutigen Proteste gegen das neue Anti-Counterfeiting Trade Agreement (im folgendem ACTA), welche das Internet in seiner heutigen Form, wie wir es kennen- und schätzen gelernt haben zur Vergangenheit machen könnte.

Das Internet ist ein Kommunikationsmittel, welches sich, gerade in den letzten Jahren, dank Smartphones und Tablets, fest ins Leben integriert hat und fungiert nicht selten als Zufluchtsort vor den Strapatzen einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft, der es ihnen erlaubt, sich für auf die immer wiederkehrende Zurichtung durch den Arbeitsmarkt zu erholen. Dienste wie YouTube, Facebook und Twitter bieten beinahe jedem die Möglichkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander und Filesharing-Börsen können auch heute schon den Hauch einer Vorstellung vermitteln, dass sich eine vom Zwang des Tausches befreite Gesellschaft realisieren lässt. Aber es gibt auch Verlierer dieses Fortschritts, namentlich die Kulturindustrie (hier auch als „Contentmafia“ bekannt), welche (vollkommen folgerichtig) zur Wahrung ihrer Interessen ACTA in die Wege geleitet hat. Diese steht vor dem Problem, dass ihre Waren (Filme, Musik, Bücher usw.) immer schneller und leichter an die KonsumentInnen gelangen, ohne dass diese dafür zahlen. Die Folge sind Umsatzrückgänge, geringere Profite und damit der Verlust der Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt, was schlicht und einfach ein Todesurteil für sie wäre. Die Kulturindustrie zieht – nicht anders als ein Kaufhaus im Falle eines Raubes die Polizei alarmieren würde – sich deshalb die unterzeichnenden Staaten des Abkommens als Vermittler zwischen den Kapitalinteressen zur Unterstützung an die Seite um die eigenen Interessen zu wahren. ACTA ist Teil einer Vergesellschaftung, die sich einen Scheißdreck um die Bedürfnisse ihrer Insassen kümmert und deren oberstes Gebot es ist, Güter als Waren zu Markte zu tragen und diese möglichst profitträchtig loszuwerden. Jeder Mensch unterliegt dabei den gleichen Zwängen unabhängig seines (wie auch immer definierten) Geschlechts, seiner Religion, Nationalität oder Klassenherkunft.

Hier aber manifestiert sich der Fehler, den große Teile der Anti-ACTA-Bewegung machen. Anstatt ACTA als (eine) Konsequenz kapitalistischer Vergesellschaftung zu begreifen, reduziert mensch es auf die vermeintliche Gier einzelner Konzerne und deren Vorstandsmitglieder und bedient sich dabei einer Rhetorik und Metaphorik, welche antisemitische Ressentiments aufgreift und reproduziert. Die Rede ist dabei von der “Krake“ , welche ihren Arme über die Welt legt, versucht alles zu umschlingen und die Weltkugel mit Dunkelheit überzieht. Die antisemitische Karikatur von Josef Plank aus dem Jahre 1939, welche (hoffentlich) unbewusst als Vorlage diente, sollte die projizierte Gefahr einer allgegenwärtigen jüdischen Weltverschwörung verdeutlichen und bringt die Logik des eliminatorischen Antisemitismus auf dem Punkt. In der Logik des Antisemitismus begreift der Antisemit den Juden, als omnipotentes Wesen, welches aus dem Verborgenen heraus die Fäden zieht und seine Interessen verfolgt. Diese stehen im Wahnbild des Antisemiten konträr zu seinen und werden gar als existenziell empfunden. Die Konsequenz dieses Denkens lässt für den Antisemiten nur eine Lösung übrig – den Judenmord. Auch wenn sich die UrheberInnen und UnterstützerInnen dieser Krake (hoffentlich) nicht als waschechte AntisemitInnen verstehen, so greift ihr Denken in seiner Struktur antisemitische Ressentiments auf, und entlädt sie, ohne sie konkret an „dem Juden“ zu manifestieren. Der Sprung vom strukturellen zum konkreten Antisemitismus ist so nur noch ein kleiner.

WER VOM KAPITALISMUS NICHT SPRECHEN WILL, SOLLTE AUCH BEI ACTA SCHWEIGEN

Eine Kritik an ACTA, welche die kapitalistischen Verhältnisse unberührt lässt, ist keine. Ein Abkommen zu kritisieren, welches geistiges Eigentum schützen soll, ohne das Eigentum als solches einer Analyse (was natürlich nicht auf einem zweiseitigen Flugblatt stattfinden kann) zu unterziehen, reduziert den Gehalt der Kritik auf die moralische Empörung über das Abhandenkommen des neusten Lieblingsspielzeuges. Sie bleibt in ihrer fetischisierten Form behaftet an den Symptomen kapitalistischer Verhältnisse, anstatt sich den Ursachen zu widmen. Eine Kritik an ACTA, die es mit sich selbst ernst meint, kann deshalb nur eine kommunistische, den Kapitalismus transzendierende Kritik sein, welche die kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnisse auf den Müllhaufen der Geschichte verbannen will. Denn wie sich eine befreite Gesellschaft in der „jeder anders sein kann und keiner hungern muss“ [frei nach Adorno] vorstellen lässt, lässt sich heute bereits durch das Internet erahnen. Sei es durch das unentgeltliche Hoch- und Runterladen eines aktuellen Kinofilms oder das Annehmen verschiedener Identitäten in Online-Spielen oder Communities , in welchen das geschundene Subjekt seine – im realen Leben – unterdrückten Bedürfnisse befriedigen kann. Diesen Ort in seiner Form lediglich zu erhalten, sollte aber nicht das Ende sein. Denn auch jenseits des World Wide Webs ist eine solche Form des Zusammenlebens, jenseits von Kapital und Staat und dem damit einhergehenden Verwertungszwängen möglich.

COMMUNISTISCHE GESELLSCHAFT Frankfurt/Main
http://www.medieval2.net/fotos/acta3.pdf

Keine Versöhnung mit Deutschland!

dresden

Es am 13. Februar richtig krachen lassen…

Auch im Jahre 2012 sehen wir uns wieder mit den „Gedenkfeierlichkeiten“ zum Jahrestag der alliierten Bombardierung Dresdens 1945 konfrontiert. Grundlegend wird sich jedoch am Gedenkzirkus von Stadt, Bürger_innen und Nazis auch in diesem Jahr nicht viel ändern. Nach der Verhinderung des Naziaufmarsches von 2011, als Dresden „brannte“ und sich der eine und die andere Dresdner_in an die Bombennächte von ’45 erinnert fühlen wollte, stellt sich auch uns die Frage: Was soll jetzt noch kommen?

Die Nazis ziehen sich mittlerweile auf den 13. Februar zurück, nachdem mit dem eigentlichen Großaufmarsch in den vergangenen zwei Jahren kein Durchkommen zu erreichen war. Mit der Konzentration auf den Fackelmarsch in den Abendstunden wollen sich die Nazis als Bewahrer eines „würdigen Gedenkens“ präsentieren, zum anderen verbinden sie damit die Hoffnung, weitgehend ungestört durch die Straßen des „weltoffenen“ Dresden marschieren zu können. Nicht unbegründet – nach wie vor setzt man in Dresden auf das eigene Gedenken, die Abgrenzung gegenüber Nazis bleibt oberflächlich und symbolisch. Nur wenige Meter vom Aufmarsch entfernt werden sich zeitgleich viele hundert Dresdner_innen sammeln, um mit „Mut“, „Respekt“ und „Toleranz“ Farbe zu bekennen und jener „Opfer“ zu gedenken, derer ein paar Straßen weiter per Fackelmarsch gedacht wird. Von Seiten der Stadt wird sich um „Bürger_innenbeteiligung“ bemüht. Gemeinsam mit den Menschen dieser Stadt wurde ein treffsicheres Motto für den gemeinsamen „Trauertag“ gesucht. Dieses soll alle Dresdner_innen zusammenführen, um an diesem Tag Hand in Hand ein „würdevolles Gedenken“ und eine klare Positionierung gegen Extremismus zu vereinen.

Einen Höhepunkt für 2012 soll eine imposante Kerzeninstallation darstellen, die auf dem Neumarkt aufgebaut werden und das Grauen der versauten Faschingsnächte 1945 für alle nochmals verdeutlichen soll. Der zweite Oberbürgermeister von Dresden, Detlef Sittel, brachte es bei seiner Rede zum 13. Februar 2011 auf den Punkt: „Dresden und der 13. Februar 1945 stehen für die Sinnlosigkeit jeglicher kriegerischer Auseinandersetzungen, für durch nichts zu rechtfertigende Unmoral von Gewalt gegen Leben und letztlich doch auch für die Verpflichtung zu friedlichem und menschenwürdigem Zusammenleben.“ Diesem Verwischen der Grenzen zwischen nationalsozialistischer Volksgemeinschaft und ihren Opfern kann nicht mit Blockaden oder dumpfem Händchenhalten beigekommen werden. Dagegen hilft nur die Abschaffung des Gedenkens und die Dekonstruktion des fest in den Köpfen der Dresdner_innen verankerten Opfermythos.

Schuldeingeständnis und Fehlschlüsse

In den letzten Jahren war im Zusammenhang mit dem 13. Februar immer wieder zu lesen, Dresden sei sich seiner Rolle im Nationalsozialismus bewusst, es sei geläutert und bemühe sich um Aufarbeitung des Geschehenen. Die Schuldanerkennung erfolgt dabei allerdings entweder personalisiert, anhand einzelner Täter_innen, oder gänzlich anonymisiert, anhand der Bedeutung der Stadt für den Krieg an der Ostfront. Geht es hingegen um die „unschuldigen“ Opfer der Bombardierung, so ist die Rede von „den“ Dresdner_innen. Dass die kollektive Beteiligung der Dresdner Bevölkerung, genauso wie die aller anderen Deutschen den Nationalsozialismus erst ermöglichte, findet dabei keinerlei Erwähnung. So wird in der Stadt nach wie vor am Mythos der kollektiven Unschuld festgehalten.
Ausdruck dessen ist die Forderung nach einem Mahnmal mit den Namen der ca. 19.000 identifizierten Toten. Dass es dabei jedoch zwangsweise dazu kommen muss, dass die Namen von verfolgten Jüdinnen und Juden, von Zwangsarbeiter_innen und Gegner_innen des Nationalsozialismus mit den Namen von getöteten Wehrmachtsangehörigen, SS-Offizieren und den Tausenden, die den nationalsozialistischen Terror nicht verhinderten, nebeneinander stehen und damit eine grauenhafte Gleichsetzung erfahren, musste der Stadt erst von mehreren Seiten vorgehalten werden.
Aufgrund der Rolle Dresdens und seiner Verortung im Nationalsozialismus, liegt es allerdings sehr nahe, dass ein nicht gerade geringer Teil der Toten nicht nur ideologisch, sondern auch durch individuelles Handeln in jenes mörderische Projekt verstrickt war, zu dessen Beendigung die Luftangriffe notwendig wurden. Laut der AG 13. Februar spielt dies keine Rolle. Opfer ist, wer tot ist.
Die Meinung, Dresden sei als „unschuldige Kunst- und Kulturstadt“ grund- und sinnlos bombardiert worden, und das zu einem Zeitpunkt, da der Krieg schon längst entschieden gewesen sei, herrscht noch immer in den Köpfen vieler Dresdner_innen vor, auch wenn dies nicht mehr die offizielle Haltung der Stadt ist. Aber wie kommt es nun, dass die Stadt trotz des angeblichen Schuldeingeständnisses und des Willens, die Vergangenheit aufzuarbeiten, so vehement an der Relativierung der eigenen Schuld und dem damit einhergehenden Geschichtsrevisionismus festhält?

Das Problem mit der Verantwortung

Dass sich die Stadt seit Jahrzehnten systematisch einer kritischen Aufarbeitung der eigenen Historie verweigert, zeigt sich nun in dem widersinnig wirkenden Versuch, das Gedenken an den 13. Februar als zentrale Aktion gegen „Faschismus und Krieg“ zu inszenieren. So ließ die AG 13.Februar der Stadt Dresden anlässlich des Jahrestages 2011 folgendes verlauten: „Am Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 gedenken wir des Leides der Bombennacht. Wir schließen in unser Gedenken die Millionen Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen und des Zweiten Weltkriegs ein. Wir erinnern an die historische Verantwortung, die auch unsere Stadt für diese Verbrechen und diesen Krieg trägt. Wir danken allen Menschen, die unsere zerstörte Stadt mit Leidenschaft, Mühen und Entbehrungen wieder zu einem Ort kulturvoller Lebensfreude gemacht haben.“ Schön, dass so Deutschland, respektive Dresden aus Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg positive Anknüpfungspunkte beziehen kann, um den Wiederaufbau zum Wohlfühlparadies für ostzonale Schlechtmenschen zu legitimieren, statt die unbezahlbare Rechnung auf Dauer zu begleichen. Mehr kann in diesem Zusammenhang wohl kaum gemeint sein.
Das Unbehagen in der Auseinandersetzung mit der kollektiven und individuellen Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen drückt sich weiter im Umgang mit denjenigen aus, die das wohlverdiente Schweigen um die NS- Gesellschaft zu brechen drohen. Gemeint sind hiermit linke, kritische Stimmen, die sich nicht mit den Floskeln der Versöhnung und des Gedenkens an ausnahmslos „alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ abspeisen lassen und sich, Jahr für Jahr, sowohl dem bürgerlichen Dresdner Trauerkollektiv, als auch den nicht weniger traurigen, gedenkenden Nazis in den Weg stellen. Um dies zu unterbinden und die nachdrücklich geforderte, ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung zu umgehen, setzen Stadt und Land – altbewährt – auf Repression. Zum einen werden die bürgerlichen Revisionist_innen aus der Verantwortung genommen, indem auf die Extremismuskarte gesetzt wird. Durch die Diffamierung antifaschistischer Intervention, sowohl in das Trauerspektakel, als auch in die jährlichen Naziaufmärsche, als „extremistisch“, werden Antifaschist_innen mit Nazis rechtlich und moralisch gleichgesetzt und die somit konstruierte, über alle Zweifel erhabene, „Mitte“ generell entlastet. Dies trägt unter anderem Blüten in den massenhaften Handydatenerfassungen aller sich in der Innenstadt befindlichen Personen in einem bestimmten Zeitraum, in der willkürlichen Konstruktion krimineller Netzwerke (§ 129 StGB), sowie zahlreichen Hausdurchsuchungen und Anklagen. Zum anderen wird versucht, das Dresden-Gedenken in all seinen Formen gesetzlich zu legitimieren und gleichzeitig grundsätzlich jede Gegner_innenschaft zu ihm zu kriminalisieren. Als Vorlage dient das erneut verabschiedete Versammlungsgesetz, das Kundgebungen und Demonstrationen an bestimmten Tagen oder an bestimmten Orten zu verbieten versucht. In diesem Sinne stehen sich Dresden-Gedenken und Versammlungsgesetz in einer Doppelfunktion gegenüber. Beide legitimieren sich gegenseitig und dienen einander zu propagandistischen Zwecken. So legitimiert das Gedenken die Einschränkungen der Versammlungsfreiheit und das Gesetz wiederum sichert das Gedenken, dem somit ein irrsinnig hoher Stellenwert beigemessen wird. Was bei all dem Verfolgungseifer und Ordnungswahn auf der Strecke bleibt, ist die Auseinandersetzung mit den historischen und gesellschaftlichen Realitäten des Nationalsozialismus.

Alerta!

Zusätzlich unternimmt die Stadt den jämmerlichen Versuch, Lernfähigkeit zu demonstrieren, indem die eingesetzte Arbeitsgruppe 13. Februar eine Protestveranstaltung gegen Nazis in „Hör- und Sichtweite“ organisieren soll. Diese ist nicht für den 13. Februar vorgesehen, an dem seit Jahren ein Großaufmarsch mit bis zu 2000 Teilnehmenden stattfindet und die Brücke zwischen bürgerlichem und Nazigedenken nicht übersehbar geschlagen wird. Nach neuesten Verlautbarungen soll der sogenannte Protest in Hör- und Sichtweite ein buntes Fest werden, nach dessen Auflösung überhaupt erst eine angemessene Nähe zur Naziroute gesucht werden soll. Da auf keinen Fall eine Demonstration vorgesehen ist, bleibt abzuwarten, wie dies bewerkstelligt werden soll. In jedem Fall steht fest: Blockieren ist für die AG keine Lösung. Und „Antifaschismus ist“, laut Innenminister Ulbig, „[auch] nicht die richtige Antwort, sondern Demokratie“. Das (Lippen-) Bekenntnis zur Demokratie tritt an die Stelle der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Es reicht aus, um sich in ihm einzuigeln und alles als undemokratisch diffamierte mit den Stacheln des sogenannten Rechtsstaats zu überziehen. Bereits Monate vor dem 13. Februar setzte das Dresdener Ordnungsamt Inhaber_innen von Lokalitäten, in denen Blockadetrainings stattfinden sollten, unter Druck und forderte, mit dem Verweis auf die vermeintliche Illegalität der Trainings, diese zu unterlassen. Ebenso wird in der Presse bereits klar kommuniziert, was Antifaschist_innen, die sich nicht für symbolische, affirmative Veranstaltungen „aller Demokraten“ hergeben wollen, in Dresden zu erwarten haben: den „gesamten Instrumentenkasten der Polizei“, einschließlich Handydatenabfrage, körperlicher Gewalt, Wasserwerfer und Räumpanzer.
All das sind Gründe, es am 13. Februar 2012 richtig krachen zu lassen. Wir werden Stadt, Freistaat und Polizei zeigen, dass auch wir es ernst meinen und rufen daher zu vielfältigen, kompromisslosen und ergebnisorientierten Gegenaktionen zu Gedenken und Naziaufmarsch auf. Wie in jedem Jahr werden unzählige Traueraktionen und ein Nazigroßaufmarsch stattfinden, die es entschlossen zu verhindern gilt. Schließt euch in Bezugsgruppen zusammen, vernetzt euch, seid kreativ.

Deutsche Täter_innen sind keine Opfer!
Gegen Gedenken, Opfermythos und Volksgemeinschaft!
Nazis und revisionistisches Gedenken angreifen!
Keine Versöhnung mit Deutschland!

http://venceremos.sytes.net/kvmd/texte/co/aufruf-keine-versoehnung-mit-deutschland-2012.html