Kein Mal und nie wieder!

Gegen das „Fest der Freiheit“
Anfang Mai 2014 wollen die Burschenschaften des Wiener Korporationsrings (WKR) zusammen mit der FPÖ einen Marsch durch die Wiener Innenstadt abhalten. Unter dem Motto „Fest der Freiheit“ wird Bezug auf das Revolutionsjahr 1848 genommen und mit dem eigens für dieses Event eingerichteten Verein „Forschungsgesellschaft Revolutionsjahr 1848“ versucht, Burschenschaften als freiheitsliebende Revolutionäre, die für Menschenrecht und Meinungsfreiheit eingestanden hätten, darzustellen. Diese Strategie ist keineswegs neu: Seit ihrer Wiederzulassung zu Beginn der 1950er Jahre versuchen deutschvölkische Korporationen vor allem aufgrund ihrer nationalsozialistischen Verstrickungen, einen Legitimationsdiskurs zu etablieren, der voller Lügen, Auslassungen und Halbwahrheiten ist.

Als Organisator des Spektakels, wie auch als Vorstand des oben genannten Vereins, scheint Gerhard Schlüsselberger auf. Gerhard Schlüsselberger war Bundesgeschäftsführer des Rings Freiheitlicher Studenten (RFS), ist FPÖ-Mitglied und Alter Herr der neonazistischen Burschenschaft aB! Olympia. Schon in der Vergangenheit organisierte er als Vereinsvorstand des Rings volkstreuer Verbände (RVV), zusammen mit dem WKR das rechtsextreme Totengedenken am 8. Mai, wo ganz unverhohlen dem Nationalsozialismus hinterher getrauert wurde und die Verbrechen des NS-Regimes relativiert bzw. ausgeblendet wurden. Schlüsselberger, der sich in den Medien als aufrechter Demokrat darstellt, der für Presse- und Meinungsfreiheit eintritt, zeigte in einem Leserbrief, der im Organ der deutschen Burschenschaft „Burschenschaftliche Blätter“ 2009 veröffentlicht wurde, wes Geistes Kind er ist. In diesem völkischen Erguss phantasiert er von „einer Ausländerflut biblischen Ausmaßes“ der die „Deutschen Länder“ ausgesetzt seien. Dass Wörter wie „Volk“, „Heimat“, „Abstammung“ und „Rasse“ so negativ besetzt seien, lastet er den „Umerziehern“ an und versucht sich selbst als Rassentheoretiker, indem er konstatiert, dass es „wissenschaftlich erwiesen [ist], daß es große Unterschiede zwischen den Menschen aufgrund ihrer biologischen Abstammung gibt“. Als Werturteil will er dies aber nicht verstanden wissen. Stattdessen träumt er von der „Volksgemeinschaft“ und dem großdeutschen Reich. Schlüsselberger zeigt sich erschüttert, dass „das Deutsche Volk nach wie vor in verschiedenen Staaten leben muss“, räumt aber ein, dass er seine Energie jetzt noch nicht der Rückeroberung der „Ostgebiete“ widmen will, sondern der Kampf gegen die „Überfremdung“ durch „Rückführung der Fremden“ und eine Steigerung der „eigenen Geburtenrate“ für ihn gerade Priorität hat.

Wenn deutschnationale, rassistische Männerbunde zum Marsch durch die Wiener Innenstadt aufrufen, sollte das für Antifaschist_innen Grund genug sein, um auf die Straße zu gehen und den Burschis das Fest zu vermiesen.

1848 und burschenschaftliche Legenden
In Kontrast zur gängigen Darstellung des Revolutionsversuches von 1848 als Sternstunde des Liberalismus, die die heutigen Korporationen als Erbwahrer der Pioniere der Demokratie in Österreich eingesetzt habe, räumt Corpsbruder Andreas Mölzer ein, dass dabei wesentliche Teile der Studentenschaft dem Gedanken des „Vorrang[es] der Einigung Deutschlands gegenüber einer Verfassung für Österreich“ – also des Nationalismus vor Demokratie und bürgerlichen Rechten – anhingen. Die maßgeblich auf Friedrich Ludwig Jahn („Haß alles Fremden ist des Deutschen Pflicht“) zurückgehende Gründung der Urburschenschaft in Jena (1815) ist als Gegenreaktion auf den drohenden revolutionären Sturm zu begreifen. Wenn sich Burschenschafter heute in die Tradition der bürgerlich-demokratischen Revolution stellen, beziehen sie sich auf jene liberale Position, gegen welche die „Urburschenschaft“ gerade gegründet wurde. Im völkischen Zentralorgan „Aula“ wird sogar in geradezu erfrischender Ehrlichkeit die Frontstellung der Burschenschaften zum „jakobinisch-freimaurerischen Gedankengut der französischen Revolution“ hervorgehoben. Nach Auschwitz dient diese Legende vor allem dazu, von ihren wirklichen Traditionslinien abzulenken: Korporierte waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts an jeder blutigen antidemokratischen Erhebung in der Weimarer und Ersten Republik maßgeblich beteiligt: Kapp-Putsch 19201, „Marsch auf die Feldherrhalle“ 19232, Juliputsch 19343 usw.

Der Einheitsstaat, der nicht als Nation politisch hergestellt werde, sondern aus der natürlichen Wesenheit „Volk“ erwachse, war von Anfang an verbunden mit der Abgrenzung von Feinden: im Inneren von Jüdinnen und Juden, im Äußeren von Frankreich. Gleichzeitig erwuchs insbesondere unter der akademischen Jugend aus der enttäuschten Hoffnung auf staatliche Einigung des „deutschen Volkes“ jenes rebellische Ressentiment gegen die adelige Obrigkeit, das bis heute mit revolutionärem Freiheitsdrang verwechselt wird. Diese kollektive Enttäuschung der Studenten, die in „Freikorps“ gegen die französischen Truppen gezogen waren und sich danach in Burschenschaften organisierten, verschaffte sich 1817 am Wartburgfest erstmals Luft. Das Treffen im Andenken an die Schlacht bei Leipzig und die Lutherische Reformation wurde von Jahn, diesem „ersten SA-Mann“, wie ihn Herbert Marcuse bezeichnete, initiiert und gipfelte in der ersten deutschen Bücherverbrennung. Dabei kommt die spezifische Verbindung von romantischem Freiheitsdrang, nationalem Einigungswunsch, antidemokratischem Gemeinschaftsdünkel und völkischem Reinheitswahn zum Ausdruck. Entgegen aller korporierten Legenden war der Antisemitismus also von Anfang an fixer Bestandteil burschenschaftlichen Lebens. Bereits die „Urburschenschaft“ bestimmte, dass „nur ein Deutscher und Christ“ Mitglied werden dürfe. Bei der Vereinigung der bereits bestehenden Burschenschaften zur Allgemeinen Deutschen Burschenschaft (1818) stritt man um den „Arierparagraphen“. Dieser fand 1820 am geheimen Burschentag in Dresden eine Mehrheit.

Die letztendlich siegreiche völkische Traditionslinie, in welcher die Burschenschafter bis heute stehen, führte also nicht, wie es die burschenschaftliche Legendenbildung glauben machen will, in die bürgerliche oder demokratische, sondern in die antisemitische „Revolution“. „Die Kombination von antifranzösisch und antisemitisch, antirevolutionär und antitraditionell in der deutschtümelnden Ideologie ist der Nukleus der späteren nationalsozialistischen Exzesse,“ so Detlev Claussen in „Grenzen der Aufklärung“.

Freiheit und regressive Kollektivität
Schon alleine die bürgerliche Freiheit ist ein weitaus unangenehmerer Sachverhalt, als ihr guter Ruf zu wünschen lässt. Die individuelle Freiheit der vereinzelten Einzelnen bedeutet in der kapitalistischen Gesellschaft die Freiheit zum Hauen und Stechen in der Konkurrenz. Herrschaft und Ausbeutung im Kapitalismus vollzieht sich nicht primär entgegen Recht und Demokratie, sondern innerhalb dieser Formen. Allgemeine Ohnmacht durch allgemeine Freiheit – das ist das Paradox und Kennzeichen der Welt von Staat und Kapital. Dass gerade staatlich garantierte Freiheit die Quelle von Unfreiheit und Ohnmacht sein soll, ist erklärungsbedürftig. Schließlich beansprucht der bürgerliche Staat ja gerade mit seinem allgemeinen Recht, die Freiheit jedes und jeder Einzelnen mit der Freiheit aller anderen zu versöhnen und so insgesamt größtmögliche Freiheit zu verwirklichen. Die staatliche Garantie allgemeiner Freiheit bewahrt diese ›Einzelnen‹ nicht nur vor unrechtmäßigen Übergriffen. Die allgemeinen Gesetze, das bürgerliche Recht, befreite die Menschen aus persönlicher Herrschaft. Doch unterjocht wurden sie einem viel umfassenderen Zwang: dem unaufhörlichen Zwang zur gesellschaftlichen Konkurrenz als vereinzelte Individuen, dem Zwang zur Selbstverwertung und zur Ausnutzung anderer. Die allgemeinen Gesetze – die des Rechts und die der Warenproduktion – entfalten als unpersönliche Herrschaft einen stummen Zwang, der dem freien Menschen zur zweiten Natur wurde. Als „doppelt freie Lohnarbeiter“ (Marx), frei von persönlicher Herrschaft, aber auch frei von Eigentum, sind sie gezwungen ihre Ware Arbeitskraft zu verkaufen, um zu überleben. Die formelle Freiheit und Gleichheit der Individuen sichert so die materielle Unfreiheit und Ungleichheit der Menschen.

Auf diese Bedrohungslagen, Ohnmachtserfahrungen und Ängste antwortet der Nationalismus, der nicht nur bei Burschenschaften und Nazis zum Ausdruck kommt, sondern eine „objektive Gedankenform“ (Marx) von Gesellschaften ist, die unter den Herrschaftsimperativen des Staates und den Verwertungsimperativen des Kapitals stehen. Ideologien kollektiver Identität bieten Schutz vor den alltäglichen Zwängen der Konkurrenz und haben als ideologischen Ertrag den Anspruch und die Gewissheit unverbrüchlicher Zusammengehörigkeit. Daraus werden nationale Privilegien abgeleitet und „die Anderen“ sozial ausgegrenzt.

Burschenschaften stellen eine besonders widerliche Form regressiver Kollektivität dar. Sie verraten die individuelle Freiheit zugunsten der des „Volkes“ und des „Bundes“. Gerade die Mensur als Erziehungsinstrument für Opferbereitschaft und Unterordnung verdeutlicht diesen Antiindividualismus von völkischen Verbindungen. Diese Dressur der Härte gegen das eigene Selbst dient in erster Linie der Unterordnung des Einzelnen unter das Kollektiv. Damit belegt man die Bereitschaft sogar die körperliche Integrität für die Gemeinschaft zu opfern. Dieser Auslöschung der eigenen Person entspricht auf ideologischer Ebene der Antiindividualismus, die rationalisierte Furcht vor der Freiheit. Das geringgeschätzte Individuum hat sich voll und ganz den Interessen des Bundes und des Volkes zu unterwerfen. So wenden sich etwa die Wiener Olympen „gegen die übersteigerten individualistischen und weltbürgerlichen Tendenzen der Aufklärung.“ Diesen setzt man den „Gemeinschafts-Mythos“ entgegen. Adorno schreibt zu diesem Erziehungsideal der Härte in „Erziehung nach Auschwitz“: „Die Vorstellung, Männlichkeit bestehe in einem Höchstmaß an Ertragenkönnen, wurde längst zum Deckbild eines Masochismus, der – wie die Psychologie dartat – mit dem Sadismus nur allzu leicht sich zusammenfindet. Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll, bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin. Dabei wird zwischen dem eigenen und dem anderer gar nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart gegen sich ist, erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte, die er verdrängen mußte.“

Kommunsimus statt Deutsch-Österreich!
Für die deutschen Burschen bedeutet Freiheit also Unterordnung unter das (nationale) Kollektiv und vor allem Freiheit vor den Anderen, den Fremden. Diesen regressiven Kollektivismus, der ohne Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Frauenhass nicht zu haben ist, setzen wir nicht das bürgerliche Freiheitsideal entgegen. Die bürgerliche Individuationsform zwingt die Einzelnen zu einer permanenten Herausstellung der eigenen Alleinstellungsmerkmale. Um den Sieg in der Konkurrenz zu erringen, gilt es im falschen Bewusstsein der eigenen Souveränität besser – und individueller – zu sein als alle anderen. Die sich souverän wähnenden Einzelnen, sehen sich jedoch zugleich der Schwierigkeit gegenüber, die Erfahrungen von Abhängigkeit, Ausgeliefertheit, Ohnmacht und Passivität, die ihre Lebensführung im kapitalistischen Alltag maßgeblich begleiten, in ihre Welt- und Selbstbegegnung zu integrieren. Diese Erfahrungen eigener Ohnmacht und Ausgeliefertheit, der eigenen Wert- und Bedeutungslosigkeit bei gleichzeitiger Proklamation individueller Souveränität, bilden dabei allzu häufig die Grundlage für Motivationszusammenhänge, die zum Kollektiv drängen. Die bürgerliche Individuationsform ist fragil: entweder isolierte Konkurrenzförmigkeit oder regressive Kollektivierung. Der Gegenpol zur regressiven deutschen Kollektivierung wie zur bürgerlichen Freiheit wäre in der „freien Assoziation freier Individuen“ (Marx) zu suchen. Wir sind uns nach Auschwitz bewusst, dass es etwas weitaus schlimmeres als Demokratie gibt, und trotzdem: Die Freiheit die wir meinen heißt Kommunismus!

Mai 2014, Tag X – Aufmarsch von Burschenschaftern, FPÖ und Nazis verhindern!

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